Der Fisch
Teil 2

 

Etwas dem Inferno entrückt, evakuiert ins Tal der Flusslandschaft Reichenbach, war es mal wieder soweit, dass Mutti die durch die bräunliche Salzlake mit Nase rümpfenden Geruch behafteten Heringe mit Hilfe von Essensmarken aus dem Dorf mitbrachte. In der Küchenecke war eine Spüle mit tropfendem Wasserhahn platziert, und sie begann, die Fischaufbereitung durch kontinuierliches Wässern vorzunehmen. Im Moment des Geschehens bemerkte Mutti fragend und mit ausgeatmetem Bedauern: „Wäre es nicht mal schön, einen frischen Fisch zu bekommen?“ Und streifte dabei mit dem rechten Unterarm über die Stirne, als ob sie etwas abwischen wollte, was an ihr nun klebte, das Elend und die lebensbedrohende Not. Kaum hörbar: „wie wird es weitergehen?!?“.
Das war eine Initialzündung für meinen großen Bruder. Er legte seine temperierte Hand an den Halsnacken, als würde er mir etwas anvertrauen, um mich als Beiläufer oder gar Mitwisser zu vergattern. Ohne etwas zu sagen oder bemerken zu wollen, was das plötzliche Gehen von Bruder Bernhard bewirkte, sagte mein großer Bruder zu mir: „Kleiner, kommst Du mit?“ Verdutzt gab mein körperliches Verhalten eine Zustimmung, ein komisches Gefühl mit neugierigem Befall bewegte meine Beine, dem großen Bruder zu folgen, und so begab ich mich in seine brüderliche Obhut. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Eine sehr treffende Bezeichnung, wie mir scheint.

Reichental, Foto: Christine Wondrak

Wir gingen aus dem Hause und hörten noch unsere Mutter rufen: „Wo geht ihr hin?“ Bernhard antwortete lapidar: „Auf die Wiese!“ Nachruf von Mutti: „Seid achtsam und habt eure Augen offen, wo ihr hintretet.“ Bernhard brummte „Ja – ja!“. „Wohin gehen wir?“ frage ich Bernhard. „Einen Fisch fangen!“ „Was? Einen Fisch fangen?“ „Ja mit zwei Augen im Kopf!“ sagte mein Bruder. Ich mit unmerklicher Stimme, gleich dem Ausdruck von Entsetzen: „Fisch fangen? Und wo?“ „Im Wasser unten im Bach!“ „Mit was? Mit einer Angel? Was ist denn das?“ „Du wirst schon sehen, Kleiner, was das ist. Du darfst niemandem etwas davon erzählen.“ Ich suchte nach einer Vorstellung vor meinem geistigen Auge, wie so ein Fischfang erfolgen sollte. Ich hatte ja keinerlei Erinnerung, wie so etwas zustande kommt, weil ich solches niemals erlebt hatte.  „Wir werden Mutti mit einem frischen Fisch erfreuen.“ „Genauso, wie die bräunlichen Stinkhüllen?“ (Ich meinte Salzheringe) fragte ich. Die hatten den äußerlichen Eindruck vermittelt, dass sie eingewickelt waren, in einem bräunlichen Pergamentpapier, das war aber nichts anderes war als die Schuppenhaut, die sich zu solch einem Aussehen konserviert hatte. „Natürlich nicht“ sagte Bernhard! „Was redest Du von solch einem Gleichnis, Brüderchen? Das wird ein frischer, wohlriechender, lebendiger Fisch sein.“ Und so setzten wir von der Straße kommend einen Fuß nach dem anderen in den Bereich der Wiese. „Da runter müssen wir, Kleiner. Pass auf, wo Du hintrittst und bleibe immer auf meiner Spur.“ „Warum das denn?“ „Weil ich Dir das so sage. Da gibt es noch Bomben, die hochgehen können und Dich und mich zerreißen.“ Eine kleine Angstwelle durchzuckte meinen Körper. Dieser kleine Schauder baute sich aber genau so schnell wieder ab wie aufgekommen. Ein komisches Gefühl, mit Neugierde befallen, bewegte wiederum meine Beine, dem großen Bruder zu folgen. Das Neue, das Fangen, das Unbekannte, hatte etwas seltsam Beherrschendes. So folgte ich meinem Bruder, mit dem gehauchten begleitenden Murmeln „Fische fangen“.

Reichental, Johannes de Temple, 1943

Die Vorbereitung

Wie erwähnt liegt der Ort in einer geradezu malerischen, ja pittoresken Idylle in einem Tal im Nordschwarzwald eingebettet, wo ein Gebirgsbach mit seinen unterschiedlichen Kaskadeneffekten dem Schauenden einen zeitlos scheinenden, wohlgefälligen, romantischen, wohlklingenden Rhythmus als Naturschauspiel, ein sinnliches, melancholisches Vergnügen bereitet. Der Bach und dessen Bewohner, die wir noch nicht wahrgenommen oder gar gesehen hatten geschweige denn über die wir etwas wussten, waren es dann, was sich in uns verstärkte, den Wunsch unserer lieben Mutter der Erfüllung näher zu bringen und der Gaumenidee zur Umsetzung zu verhelfen.

Reichental, Foto: Christine Wondrak

Mein Bruder entwickelt die strategische, theoretische Vorgehensweise, wie wir zu dem ersehnten frischen Fisch kommen könnten. Er sagte kurz angebunden in seinem Ton: „Komm mit!“ Eine Kehrtwende von 180 Grad ließ uns von dem Wiesenrand auf den Weg zu einem Holzschober gehen. Wir saßen also nicht auf der Wiese, sondern zunächst in einem Holzhaus, das dem Armenhaus zugedacht war. Dieser Schuppen sollte dazu beitragen, selbst gesammeltes Holz zum Trocknen aufzubewahren, damit in der Kältezeit trockenes Holz vorrätig war. Bernhard setzte sich auf den Erdboden und gestikulierte mit der Hand, dass ich das Gleiche zu tun habe. Da saßen wir auf dem Erdboden. Bruderherz skizzierte mittels eines dafür aufgegriffenen dürren Zweiges auf dem Sandboden das, was er zu tun gedenke, nämlich ein Angelsystem herzustellen. Er beschränkte sich dabei zunächst auf den Angelhaken, der so groß gezeichnet war, als müsste ich den Fisch in seiner Ausdehnung begreifen. Er nickte selbstsicher mit dem Kopf, ohne dass ich eine Frage gestellt hätte und flüsterte vor sich hin, „dafür benötigen wir Kleinwerkzeuge“. Das müsste zur Verfügung stehen. Das Fragmentarische wurde durch ein Selbstgespräch  konkretisiert, um einem Lösungsweg zu folgen, der das Ziel ermöglichte, einen Fisch zu fangen. Der Begriff Angel in der Konstruktionsidee wurde von meinem Bruder nochmals, diesmal mit Fingerstrichen, in den Bodensand skizziert und für mich im detaillierten Zusammenhang verständlich gemacht, aber in veränderter Form der Machbarkeit. Die  Abwandlung von einer Angel im herkömmlichen Sinn hat das französische Verbot, von dem noch zu reden ist, gefordert. Also keine Angelrute, sondern eine sehr kurz gehaltene Angelschnur, befestigt an einem sehr kurzen Weidezweig. Wir brauchten nun Werkzeuge, um den Haken mit Widerhaken herzustellen. So sprach mein Bruder. Ich fragte ihn: „Was ist das, ein Widerhaken?“ Er antwortete:  „Später!“ Das Aufzählen der Einzelteile, wie es mein Bruder später vorgetragen hatte, ließ mich staunen. Nicht weil ich alles verstanden hätte, sondern weil er so vieles an Details aufzählte, was sich mir nicht in einem Wiedererkennungswert darstellte. Wir benötigen Rundmetall – Draht, aus dem der Haken seine Form erhält. Wir benötigen dünnen, aber zugfesten Faden, eine kleine Schraubenmutter als Beschwerung, ein Stückchen trockenes, festes Holz – Bernhard meinte Ast-Eichenholz wäre ausreichend, ein Stück Weidenast als handbreiter Kurzangelstab, der nur dazu dienen sollte, die Angelschnur daran zu befestigen, um diesen Weidenzweig in der Mitte eines Baches unspektakulär, unauffällig zu postieren, damit Späher, die flanieren, nichts Auffälliges erkennen, und dazu schließlich ein Wurm. Dabei deutete Bruderherz auf den vor dem Armenhaus deponierten Misthaufen. Voller Ungeduld erwartete ich plötzlich die Vorbereitungen zur  Fertigungskunst eines Angelhakens. Wie würde ich wohl die Assistenz als Geburtshelfer eines Angelhakens erfüllen?

Ich weiß nicht, warum mich mein Bruder Bernhard auserwählt hatte, die stromlinienförmige Kreatur zu überlisten. Verwundert auch darüber, wie spezifisch, aber im Staccato mein Bruder mit mir den Dialog zur Herstellung einer Angelfalle führte. Vielleicht brauchte er mich, um das Selbstgespräch an mir als Requisite festzumachen. Empfunden habe ich selbst, dass er mich als vollwertig in eine Diskussion einbezogen hat, damit die Stabilität seiner Beabsichtigung keinen statischen Komparsenstatus erhält. Die Aufgaben wurden alsdann verteilt. Der Wurm fand als Erstes die Realisierung. Solche gab es nämlich zu Hauf auf dem uns überlassenen Misthaufen in der Nähe der „Toilette“ (grausam, mehr ist nicht zu sagen). Den Wurm als Leckerbissen hatten wir schon. Nun kam es zu der Angelfalle.

Aus früheren technischen, konstruktiven, komplizierten, komplexen Aufgabenstellungen, die mein Bruder immer wieder in seine Lebensbiografie übernommen hatte, konnte ich durch ungehindertes Beobachten die Begabung meines Bruders erfahren. Das Vorbild dazu war unser großartiger Vater, mit seiner  ihn charakterisierenden geistigen, koryphäenhaften Genetik. Das Vorbild ist immer das erste beste Lehrmittel im Leben. Das hochbegabte, geistvolle, sensible, fertigungstechnische, künstlerische Vorgehen von meinem Bruder erfüllte sich in seinem zielstrebigen kontrollierten Handeln. So gab es für mich Pimpf auch keinen Zweifel, als mein Bruder kaum hörbar feststellte: „Weißt Du, Kleiner, aus Schrott noch etwas Funktionelles entstehen zu lassen.“ Wir machten uns auf die Suche, wo Drahtreste herumliegen, abgelagert oder auch nur weggeworfen wurden. Und wir wurden fündig. Eine Beißzange hatten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber mein Bruder hatte die Kognition, wie ein Stück Draht durch sehr schnelle unentwegte Biegebewegungen die Molekularstruktur verändert, damit die Bruchfestigkeit sich verliert. So hatten wir ein Stück Draht ca. 1 mm Durchmesser und 10 cm lang. Ausreichend, um dem Gewollten reichlich zu entsprechen. Nun benötigten wir eine Feile, einen kleinen Meißel, einen Hammer, eine Rundbiegezange, Streichhölzer zur Feuerentfachung, um dem Draht durch Glühen die Form zu geben. Somit konnte daraus ein maulgerechter Haken mit Widerhaken für den Fisch mit Namen „Regenbogenforelle“ gefertigt werden.

Nun galt es, die Werkzeuge zu besorgen, aufzugreifen, die zur Verarbeitung von Metall und Herstellung eines Angelhakens nützlich sind. Meine Frage an Bruder Bernhard: „Weißt Du, was Du benötigst, oder sollten wir jemanden fragen, wie was gehen könnte, um das Machbarkeitsrisiko zu minimieren?“ Antwort: „Bei wem denn? Hast Du nicht verstanden, dass wir schweigsam sein müssen?“ „Ja – ja“, meine einsilbige Bestätigung. „Können wir etwas unbemerkt organisieren?“ fragte ich. „Du meinst klauen?“ Die christliche Erziehung verbot solches zu bedenken. Ich schwieg dazu. Eine kategorische Verneinung hatte mein Bruder zu dieser Frage ausgeschlossen. Im weiteren Dialog zwischen uns Brüdern gab die Orientierung für das weitere Vorgehen zur Beschaffung von Werkzeugen die von unserer Mutter immer wieder zitierte Wortschöpfung eines alten Deutschen Sprichworts: „Mit dem Hut in der Hand kommt man durch das ganze Land“. In der Nachbarschaft gab es sehr tüchtige Personen, Bauern, die rechtschaffend ihr unterschiedliches Tagewerk nach Notwendigkeit erbrachten. Bei diesen lieben Menschen, so mein Bruder hoffnungsvoll, kann man fündig werden. Dabei hatten wir im Fokus, auf die Nachbarschaft zuzugehen, die mit Metall Umgang haben, z. B. Sensen schärfen durch Dengeln, dann das Abziehen, ein weiterer Schärfungsprozess, so ertüchtigt man das Scharfmachen der Sense, im weiteren das Schärfen von Äxten mittels Feilen, Reparieren von Karren und Ochsenzuggestängen.  Solche handwerklichen Herstellungsmechanismen zählen eigentlich zu den ältesten Kulturtechniken. Also eine technische Arbeitsweise, die zweifelfrei vermuten ließ, dass sich Werkzeuge in ihren Schuppen befanden, die auch für uns nutzbringend sein könnten. Zwischen mir und meinem Bruder wurde für mich die Parole ausgegeben: „Nichts hören, nichts sagen, aber alles, was um uns sich zuträgt, sehen. Wenn gefragt wird, für was wir das benötigen, gebe ich Antwort. Und Du Kleiner schaust einfach in der Welt herum, als wolltest Du die Wolken zählen.“ „Und wenn keine da sind?“ „Dann denke Dir welche.“ Ich war in diesem Moment überfordert mit diesen für mich abstrusen Vorstellungen. So war es auch.

Ein wiederholtes beklemmendes, ja komisches Gefühl mit neugierigem Befall bewegte wiederum meine Beine, dem großen Bruder auf Schritt und Tritt zu folgen. Unbekümmert traten wir in den Hof und schon kam uns eine Frau entgegen mit der Frage, was wir möchten. Bernhard sagte: „Wir benötigen etwas Kleinwerkzeug“ und begann aufzuzählen, was die Frau aber unterband und den Herrn des Hauses rief. „Na, ihr zwei Strolche, was führt euch zu uns?“ Ich schaute etwas betröppelt meinen Bruder an, messend von unten nach oben. Er blickte dem Mann, den wir noch nicht kannten, mit demütigem konzilianten Profil ins Gesicht. „Seid Ihr    nicht die vom Armenhaus?“ „Ja!“ sagte Bernhard mit lakonischer Stimme, „ja das sind wir.“ „Und um was geht es?“ Mit weinerlichem aber gekonntem Grundton: „Wir haben eine große Bitte an Sie. Wir benötigen eine kleine Leihgabe von Kleinwerkzeug.“ Nach dem Fragen, was wir damit ausrichten möchten, musste die Mutter als Antwort herangezogen werden, mit der Aussage, dass sie mit Ihrem Kochinstrumentarium etwas Sorge hat und wir das reparieren wollen. Wir haben natürlich nichts von dem erwähnt, was mit der Leihgabe tatsächlich ausgeführt werden sollte. Zu unserer Verwunderung wurde vom Angesprochenen selbst zu diesem gewürfelten Tatbestand eine Hilfsbereitschaft angeboten. Der Bauer brachte uns in seine Scheune und ließ uns in seine sehr aufgeräumte Werkzeugkiste blicken. Unser zuvor empfundenes Bangen, das Richtige nicht zu finden, wurde schon beim Anblick des Werkzeugsortiments zerstreut. Aus dem Gesichtsausdruck meines Bruders konnte ich schon die nächste Idee zur Realisierung erkennen. Wir stopften das wenige, was gebraucht wurde, in unsere Hosentaschen. Wir empfahlen uns mit dem besten Dankesbekunden und der Ankündigung, die uns zur Rückgabe verpflichtet.

Mein Bruder drehte sich in alle Richtungen, um auszukundschaften, wo ein Dengeleisen in entfernter Örtlichkeit, also distanziert vom Werkzeuggeber, etwas verdeckt vorhanden sein könnte. In der Nähe des Armenhauses rings herum auf den Steilhängen der Plantagen, der Felder und Wiesen, gab es Heuschober, die sich nutzbringend anboten, das gemähte Gras, das nach dem Trocknungsprozess durch Sonnenwärme zum Heu gewandelt, den Winter über einzulagern. Der Heuschober stand immer am Rande der Wiese. Die Bauern hatten mit ihren Sensen das Gras gemäht. Wenn die Schnittschärfe der Sense ihren Dienst versagte, so gab es mit dem Verfahren der Dengeltechnik die Möglichkeit, das Schärfen der Schneide einer Sense durch Hämmern wieder herzustellen. Dazu benötigt man einen geeigneten Hammer und ein Dengelamboss. Und dieser Dengelamboss, um den ging es uns, war in vielen Fällen unmittelbar vor dem Zugang zum Heuschober in einem Steinquader platziert. Der Ort ward ausgemacht, wir schlenderten unbekümmert dem Ziel entgegen. Dort in Obhut von Tarnung durch Holunderbaumwerk angekommen, sagte mein Bruder, ich soll ein Brett aus dem Heuschober entnehmen als Unterlage für eine Sitzgelegenheit. Das war leichter ausgesprochen, als die Aufgabe es ermöglichte. Die Öffnung der Heuschober bestand aus Einzelbrettern, die in Schräglage zwischen einer Nute eingeführt werden mussten, damit das Schließen der Öffnung erfüllt war und wieder herausgenommen werden konnten, um die Öffnung des Heuschobers wieder herzustellen. Eine sehr praktikable Idee. Man nennt das technisch versierte Bauernschläue.

Reichental, Foto: Christine Wondrak

Für mich als Alleinunterhalter, als sechsjähriger Größenwuchs, war es selbst bei akrobatischer Veranlagung, wenn solche vorhanden gewesen wäre, nicht möglich, dem von meinem Bruder Gewollten zu entsprechen. Durch gemeinsames Vorgehen mithilfe der menschlichen Baumleiter war es gelungen, Bretter aus der Fuge zu entfernen. Mein Bruder hatte noch etwas Heu aufgegriffen, um die Polsterung auf dem am Boden platzierten Brett zu ermöglichen. Wenn man möchte, das Prinzip feudalistischer wie bequemer Lebensqualität. Und nun begann das Richten und Ausdengeln eines Hakens.

Das filigrane Vorgehen zur Fertigung des Hakens war für mich in meinem Alter nicht selbstverständlich, was aus heutiger Sichtweise fertigungstechnisches Neuland bedeuten würde. Ich war fasziniert von den handwerklichen Kniffen, die mich in Nachdenken in Form eines kindlichen Dialogs verwickelten, wie kam mein Bruder zu dieser Feinmechanik? Nur ein Begriff war hier als richtig zu benennen: Naturtalent, was sich Jahre danach in vielfacher Weise weiter bestätigte. Seine Patente aufzuzählen wäre mühsam. Geradezu in künstlerischer Anmut, von feinster Kreativität, vertieft und verliebt in das Gelingen ausgeübter Geschicklichkeit, aus dem verrosteten Drahtrest einen präzis gefertigten Angelhaken zu zaubern. Fabelhaft – großartig. Ich erwartete voller Ungeduld die Vorbereitungen der Fertigungskunst.

Wie schon erwähnt, waren die Werkzeuge und Gebrauchsmittel, die er von dem Landwirt Herr Weiler, so sein Name, leihweise bekommen konnte, einfach, aber auch ausreichend. Die Streichhölzer, das war zur damaligen Zeit eine Kostbarkeit, hatten wir von Mutters Herd für den Augenblick entwendet, um eine kleine, aber intensive Feuerstelle anzuheizen, damit die Geschmeidigkeit des Drahts durch einen Glühvorgang erzielt werden konnte.Die Feuerstelle durfte keinesfalls die Aufmerksamkeit von ungebetenen Gästen erlangen. Es gab eine Fülle von Stroh aus dem Heuschober. Mein Bruder hatte davon nicht genommen, denn er meinte, dass das zu viel Rauch bilden würde. Vielmehr hatte er mit dem Küchenmesser, das wir vom Armenhaus mitgenommen hatten, von den Holzbrettern, die im Heuschober und unter den Heuschober deponiert waren, Späne abgeschnitten und diese, der Geometrie folgend, einem Indianerzelt angepasst. Das Feuerchen entfachten wir unter dem Heuschober, der auf felsigen Stützen gebaut war, und uns genügend Platz gab. Das Holz der Späne war so trocken, dass es eine kaum sichtbare Rauchentwicklung gab. Und für den Drahtglühvorgang reichte die kleine Flamme allemal.

Dann, als das Glühen des Drahtes erreicht wurde, konnte durch filigranes Schmieden bzw. leichtes gefühlvolles Dengeln eine Angelspitze ausgetrieben und geformt werden.

Die Präparation des Hakens geschah zunächst längs des Drahtes, zuerst die Modellierung der Hakenspitze, dann die Einkerbung mittels Meißel und Ausgestaltung des Widerhakens mit einer sehr verbrauchten Feile, was kein Nachteil war und dem Wetzstein, wie er zum Schärfen einer Sense verwendet wurde. Die Hakenspitze und die Widerhakenspitze wurden nochmals mit dem in Wasser getauchten Wetzstein bearbeitet, um jede Unebenheit auszuschalten, die das Charakteristische einer Nadelfunktion ausmacht und verdeutlicht. Mit äußerster Geschicklichkeit und Handhabung einer Rundbogenzange bekam dann das zu einer Spitze ausgetriebene Rundmetall die Form des Hakens. Mit einem Blatt vom Baum erprobte Bernhard dann die mechanische Einstichfunktion und Einstichkraft. Es gab keinen Mangel. Der Fisch konnte kommen. Dann musste noch eine  Sperre in Form eines kleinen Quadrats am Hakenende geformt werden, die notwendig war, um den Angelfaden zu fixieren, der mehrfach am Ende des Haken umwickelt und verknüpft wurde und ebenfalls einen Glühvorgang voraussetzte. Und dies mit sehr behutsamer Geschicklichkeit. Noch war die Angel in ihrer Vollständigkeit rein imaginär. Noch war nicht alles vorhanden. Es sollte von mir nicht vergessen sein, dass mein Bruder drei von diesen Haken im zügigen Ablauf fertigte.

Als das Werk Fischhaken vollbracht war, entwickelte sich eine Euphorie bevorstehender Erlebnisse. Ein weiterer Schritt zur Befriedigung der beabsichtigten Erwartung ließ uns ins Armenhaus zurückkehren. Zunächst die knarrende Türe, wenn möglich geräuschlos zu öffnen.  Auf leisen Sohlen, nein barfuß, in das Zimmer schleichend, wo unsere Mutter die Nähmaterialreserven verstaute. In einem ziehharmonikaähnlichen Kasten, den Tante Frieda aus Karlsruhe (ihre Behausung fiel nicht dem Bombardement zum Opfer), meiner Mutter nach dem Kriege überlassen hatte, waren Nähgarnmaterialien deponiert. Defekt gewordene Kleidungsstücke konnten somit repariert, ausgebessert werden, wenn Not am Mann war. In diesem Nähkasten konnten wir – nein, mein Bruder, der für alles das Oberkommando hatte, einen weißen Zwirnfaden auf sternförmig ausgeschnittenem Karton aufspüren und konfiszieren. Bruder Bernhard prüfte die Zugfestigkeit und kommandierte, dass ich ca. 1,5 m abwickeln sollte, was ich über den Arm,  Zeigefinger nach Bernhards Vorgabe und Verlangen so vollzog. Während des Abwickelns vom  Zwirnfaden hatte sich Bernhard mit Mutti unterhalten, um sie davon abzuhalten, unerwartet in das Zimmer einzutreten, in dem ich meine Mission zu erfüllen hatte. Auch das hatte sich generalstabsmäßig erfüllt. Nach einem sichtbaren Kopfnicken, das zuvor als Erfüllungszeichen zum Auftrag vereinbart war, entrückten wir gemeinsam aus dem Armenhaus, das uns mit dem Angelfaden königlich beschenkte. Wir schlenderten wieder zum Heuschober. Bernhard voraus und ich hinten nach wie ein widerspenstiger Esel. Danach beschäftigten wir uns mit Leidenschaft am unteren Ende des Fadens mit dem Montieren des Angelhakens. Wie schon vorgetragen, hatte der Haken am Ende eine platte Verformung, die durch Glühen und kleine gefühlvolle Hammerschläge von rund auf rechteckig geformt wurde, als Sperre für den gewickelten und verknüpften Faden. Im weiteren Verlauf des Montierens wurde im Abstand von ca. 5 cm eine kleine Schraubenmutter als Beschwerung angebracht, die wir aus einer Blechbüchse im Hasenstall entwendet hatten. Diese Beschwerung mit dem schwimmenden Eichenastholz musste so abgestimmt sein, dass diesem Holz die schwimmende und tragende Eigenschaft  trotz  der kleinen Schraubenmutter erhalten blieb. Danach wurde im Abstand von 12 cm nach dem Angelhaken ein Stückchen Eichenastholz als Schwimmer montiert, um Bewegungsveränderungen, die der Fisch beim Verspeisen seiner Delikatesse auslöst, aufzunehmen. Das Reaktionsvermögen steht auf dem Prüfstand, um nicht das Nachsehen zu haben. Dies setzte mein Bruder für sich selbst voraus. Der Fisch signalisiert sehr freizügig und explosiv seinen Hunger, seine Fresslust und schämt sich nicht seines Appetits. Am gegenüber liegenden Fadenende des Hakens wurde ein zäher, ca. 10 mm dicker und 30 mm langer Weidenast mit dem Faden in Knüpfermethode befestigt. Es war beabsichtigt, die Angelschnur mitten im Bachlauf zu postieren, unbemerkbar für ungebetene Kibitze, Uferläufer, Kontrollsoldaten. Nichts soll auffällig sein und werden. Diese Präparation war uns wichtig, damit keiner Person auf unser illegales Treiben, einem Fisch habhaft zu werden, Aufmerksamkeit erteilt wird. Wir waren gewarnt, dass ein Zuwiderhandeln der Verbote, nicht nur eigene, sondern in die Familie hinein übergreifende Konsequenzen haben konnte. Mutti hatte das jeden Tag flehend für uns Kinder heruntergebetet. Ein Haken, danach eine kleine Schraubenmutter als Beschwerung, dann ein Stückchen Holz als Schwimmer und im weiteren Verlauf den Rest des Zwirnfadens befestigt an einem Ast, der sich mitten im Flussbeet platzieren soll. Nun noch eine Wurmdelikatesse und die Grundvorbereitungen für den Fang eines großen Fisches waren abgeschlossen. Der Misthaufen gab reichlich Ködernahrung, die wir  sorgfältig auf dem Haken zu präparieren wussten. Die Euphorie der Erwartung, den frischen Fisch unserer Mutter zu präsentieren, vertiefte in uns die Genugtuung zur Erfüllung, diesem Wunsch einen Schritt näher gekommen zu sein. Unsere Eltern und meine anderen Geschwister hatten keine Ahnung, was der große und kleine Bruder im Schilde führten. Ich war Geheimnisträger. Mit jeder Minute zur Aufbereitung des Angelsystems wuchs meine Verantwortlichkeit zur Geheimhaltung.

Belanglos, ohne erkennbare Absichten, dass wir auf Fischraub programmiert sind, tollten wir den Wiesenhang hinab zum Bachgestade, begleitet von dem Kommandoton: „Pass auf, wo Du hintrittst, mach die Augen auf.“ Inneren Prostest weckten diese Ermahnungen in mir. Alles sehr kontrolliert und begleitet im Bewegungsspiel  kindlicher Anmut und Frohsinngehabe, in fröhlichem Treiben, in einem Übersprunggehabe, versuchten wir das Bild nach außen zu geben, als wollten wir die Ufer des Bachlaufs tauschen. Dabei versuchten wir unseren Blick darauf zu konzentrieren, welcher Schutz uns am Ufer durch Weiden, Sträucher, Gestrüpp, vor ungebetenen Gästen gegeben ist. Auch ein Fluchtweg, der bei möglicher Verfolgung den Schutz durch Bauerhäuser ermöglichte, hatte mir Bernhard durch seine Handzeichen vorgegeben. Seine Verantwortung der brüderlichen Schutzbefohlenheit begründete sich dadurch, dass er mir auferlegte, das Schützende vor ihm durch Rennen zu erreichen. Im weiteren  Verlauf der Beobachtungen kam dann das Ausspähen der Strömungsgeschwindigkeit durch das Hineinwerfen von Papierschnitzel in den Bachlauf hinzu. Wie verhält sich Strömungsverlauf, Strömungsverhalten, Strömungswirbel, Wasserqualität und Wasserklarheit zueinander. In diesem wunderschönen Bergdorf blieb es durch die archaisch hygienischen Verhältnisse nicht aus – soweit diese der Zeit angemessenen Lebensgewohnheiten zugetan waren – dass der melodisch fröhlich plätschernd dahinfließende Gebirgsbach teilweise die Kanalisation ersetzte. Mein Bruder erklärte, dozierend in einem fort, als sei ich sein Schüler, dass durch die kausalen Strömungszusammenhänge mit Haken, Wurm und Schwimmer je nach Strömungsbedingungen und Verschmutzungsgrad des Wassers, ein noch so feudales, verlockendes Köderangebot den Fisch nicht erreicht, nicht beeinflussen wird. Ein Petri–Erfolg könnte dadurch um ein Vielfaches geschmälert sein. Die Zurückhaltung von Zivilisation und Hygiene bestrafte den Fisch und uns.

Während wir, so sollte es scheinen, unkontrolliert herumtollten und letztlich den Ort in Sicht hatten, der unser Vorhaben begünstigte, nahmen wir Platz am Bachufer und machten denen glaubend, die vielleicht aus der näheren Ferne unser Treiben beobachteten, dass ein Blumenschmuck unser Bewegtsein erfüllte. Dicke, gelbe Butter-, Dotterblumen, die am Uferrand üppig gediehen und wir reichlich zum Strauß gerichtet hatten, hatten für uns eine ambivalente Bedeutung. Zum einen als Tarnung durch Vortäuschen einer  Absicht, zum anderen die Erfüllung eines Mutterwunsches, ihr ein Blumengebinde zu überbringen. Nichts war in Ufernähe zu erkennen, was besorgniserregend gewesen wäre. Kein Dorfbewohner, kein Aufseher der französischen Besatzungsmacht. Mein Bruder gab das Signal zum Aufbruch der Angelauslegung. Ich blieb im Dotterblumenmeer verhalten sitzen, festhaltend das untere Ende der Angelschnur (Zwirnfaden), wo sich der Haken befand. Mein Bruderherz spulte gemächlichen Schrittes den Zwirnfaden von der als Weidenzweig umfunktionierten Kurzangel ab und legte diesen Weidenzweig zunächst stramm auf die Wiese. Um einen Festpunkt für das gesamte Angelsystem zu haben, bescherte Bruderherz den Weidenzweig mit einem wohlgeformten, aus dem Bach entlehnten Stein. In ständiger Habachtstellung montierten wir den in einer selbst gebastelten, mit Erde und Gras gefüllten Schachtel befindlichen Wurm vom Misthaufen, der zuvor seinen geschützten Unterschlupf in der freien Natur genießen konnte. Die Wurmschachtel war in meiner Obhut und Bruder Bernhard bat um das kleine Opfer, um ein Größeres erreichen zu können. Der Wurm war mit dem notwendigen Geschick am Haken, und er beugte sich in alle Himmelrichtungen, als sei ihm das sehr unangenehm. Während die Präparation des Wurmes am Haken folgte, summte mein Bruder so lapidar und versunken eine Melodie vor sich hin, die mein Vater hin und wieder vor dem Bombenangriff in seinem Herrenzimmer musizierte (dort stand der Blüthner Flügel, als er noch Gegenstand war und nicht zu Staub wurde). Das Lied aus der Operette Lysistrata von Paul Linke mit dem Refrain „Glühwürmchen, Glühwürmchen flimmre, flimmre……“  Es war makaber, wie ich heute finde. Damals hatte ich keinen Bezug zu dieser Tonschöpfung, aber sie hatte eine sehr eingängige Melodie, die mich später dazu rührte, es nachzuspielen, dem Vater gleich zu machen.

So, das Werk war vollbracht, der Countdown zur Auslegung der Fangleine war im Gange. Nochmals in alle Himmelrichtungen kontrolliert, ob die Luft sauber war. Bernhard räumte die Vorrichtungen auf dem Wiesengrund, spulte den Zwirnfaden wieder auf den Weidenzweig und entledigte sich der Holzpantoffel, Strümpfe, um mit den Füßen einzutauchen in das doch frische Frühlingswasser. Sein Augenmerk galt einer Steinformation, die es möglich machte, mitten im Flusslauf den Weidenzweig fest zu platzieren. Ich dagegen wachte über die Unversehrtheit des Areals. Die Umgebungsatmosphäre einer Frühlingsdämmerung konnte kein Profil einer Fata Morgana entstehen lassen. Alles, aber auch alles, war reinliche Realität, und Bruder Bernhard konnte die rutschigen Steine mit prüfenden Sohlen elegant überwinden, bis er jene Stelle erkundet hatte, die er für ertragswürdig und ausreichend erkannte. Die Fanggründe waren sozusagen ausgelotet. Der kurze Weidenzweig war gesetzt und Bernhard ließ langsam das Abwickeln des Zwirns folgen. Der Köder ruhte noch in seiner Hand.

Der Haken mit dem Wurm und die kleine Schraubenmutter als Zuganker, die dafür sorgen sollte, dass zwischen Schraubenmutter als Festpunkt und dem Holzstück als Schwimmer ein gespanntes, strammes Verhältnis entsteht und dauerhaft gegeben ist, um eine unnatürliche Bewegung, wenn dem so wäre, erkennen zu können. Die Fresslust insbesondere eines Raubfisches verursacht ein Bewegungsprofil, das als ungewöhnlich genannt werden kann. Das System Haken Wurm Muttergewicht und Holzstück als Schwimmer wurde mit gutem Augenmaß an jener Stelle geworfen, die nicht zwingend den gesamten Strömungsverhältnissen ausgesetzt war. Es war eine beruhigte Wasserstelle.  Eine gewünschte Verweilzeit des Köders im Wasser war schon beabsichtigt, um den Fisch, wenn es ihn gab, zu bezirzen, zu verführen und  zur Fresslust zu animieren. Man sagt ja auch im Volksmund: „Ich habe Dich zum Fressen gern.“ Wenn nicht, so spuckt der Fisch das Ungenießbare aus. Doch da gab’s jetzt das Verhängnis, den Haken. Als das Auswerfen gelungen war, gab mein Bruder den letzten noch aufgewickelten Zwirn durch sorgfältiges Abspulen frei. Das Fangzentrum lag über einer ausgespülten Sandmulde hinter einer Wasserkaskade. Der Anblick war sehr beruhigend und hoffnungsvoll. In vorsichtiger Weise trat Bernhard wieder aufs trockene Festland, dem Wiesengelände und massierte bzw. rubbelte sich die Füße, bis die Frühlingskälte der erzeugten Reibungsenergie wich. Dazu abwechselnd kurze Sprinteinlagen am Bachufer, die den gefühllos abgestumpften Beinen wieder etwas Leben einhauchten. Mit der Bitte an mich, weiterhin den wachsamen Vorposten zu erfüllen, erweiterte sich meine Aufgabe, mit  mahnender Aufforderung, mit geschärftem Blick, wenn eine unnatürliche Bewegung des Holzstücks, als Schwimmer deklariert, zu erkennen, festzustellen ist, einen leisen, weniger enthusiastischen Laut von mir zu geben: „Fisch!“ Ich war der Gehilfe meines Bruders ohne Widerspruch. Die Aufwärmstudie ward nicht so lange und mein Bruder setzte sich zu mir und beäugte in hypnotischer Versunkenheit die Stelle, wo die Wurmdelikatesse als Ködergabe dem Fisch oder den Fischen zubereitet wurde. Es verging einiges an Zeit. Gegen 10 Uhr am Morgen hatten wir das Abenteuer beschlossen, ca. eine Stunde Präparation und eine Stunde Warten auf den gewollten Fisch, um der Mutter den ersehnten Wunsch zu erfüllen. Vom Turme hoch das 12 Uhr Geläut. Und nichts als warten. Bernhard wurde etwas unruhig, während ich das Warten fast teilnahmslos für einen Ausblick nutzte, um den dahinplätschernden Bach in seiner ausgelösten dynamischen Beschaffenheit, Wirkungsweise mit den Augen zu erkunden. Im Moment meiner Tiefsinnigkeit, des Bächleins Geheimnis zu ergründen, erreichten mich Wortfetzen aus Bernhard Munde die von mangelnder, abwartender Disziplin hören ließ. Mein Nachfragen: „Was gibt es zu klagen?“ Er antwortete: „Kleiner – das verstehst Du noch nicht.“ Kaum hatte er seine Füße wieder im gefühlvollen Gleichgewicht, schon stampfte er wieder in den Bach und entwendete sorgfältig das Instrumentarium Angel aus dem Flüsslein, wo wir glaubten, den großen Fisch zu fangen. Wer meinen Bruder schon in seinen jungen Jahren erlebte und kannte, er war 14 Jahre jung, konnte darauf hoffen, dass es zu dem, was er sich ausgetüftelt hatte und von dem er überzeugt war, eine Lösung zum Erfolg gab und auch zum Erfolg wurde. So murmelt er in seinen Flaum hinein: „Kleiner, wir sind dumm! Mir gedenkt, dass die Forelle an der Wasseroberfläche ihre Nahrung aufnimmt und nur sehr selten von dem Grund auftaucht.“ Ich stutzte und nickte ab, als wüsste ich etwas von solch biologischem Verhalten der Fische. Ich hatte keinen Dunst, aber nicken konnte ich. Eine solche, wenn auch belanglose Zustimmungsgeste beflügelte meinen Bruder und begann weissagend zu erklären. Und wieder glaubte ich, Zuhörer in der Aula zu sein. Seine imaginäre Erklärung, mit Beispielen am Bachgestade, ließ mich mutmaßen, dass der Stein der Weisen nun gefunden war, seine analytischen Deutungen hatten zum Ergebnis geführt, dass der Wurm nicht direkt über dem Bachboden platziert sein sollte, sondern vielmehr in schwimmender Oberwasserposition. Er sagte:  „Forellen fressen Fliegen und Insekten, die auf der Wasseroberfläche unkontrolliert daher schwimmen. Verstehst Du?“ Nein! Nichts hatte ich verstanden, was Bernhard mir auch testierte.

Reichental, Foto: Christine Wondrak

Die Angel, oder das was man als solches zu bezeichnen gewillt ist, wurde umgearbeitet. Wurm blieb, Schraubenmutter entfiel, Schwimmer (Holzstück 3 cm) blieb, die Länge des Zwirnfadens mit dem kurzen Weidenzweig blieb. Was sich noch veränderte war durch einen Versuch gekennzeichnet, welchen Einfluss die Strömung auf den verankerten Zwirnfaden bzw. das Zwirnmittelstück zwischen Angelhaken mit Wurm und Schwimmer hatte. Rasch hatte mein Bruder erkannt, dass der Längenabstand Zwirnfaden und Festpunkt sehr wohl Einfluss auf das Schwimm- oder Sinkverhalten des Wurmes nahm. Das plausible Ergebnis führte zur Umrüstung des Angelsystems. Und wieder nahmen wir den Wiesenplatz in der Dotterbutterblumenkolonie-Idylle ein, um der seelischen Anspannung mit Endorphinen zu begegnen. Es wiederholte sich die aus der Konzentration entstehende Gesichtsstarre meines Bruders an dem Teil des Baches, der den Zugang zur möglichen Freude erfüllte. Ich dagegen wartete wieder gelangweilt, wartete auf weitere Anweisungen und versammelte meinen Blick an jenen Bachverlauf, der zuvor schon einmal eine vertiefte Aufmerksamkeit bei mir entfaltete. Nicht nur das melodische Geplätscher fand eine seelische Berührung, sondern auch das Umspülen der Dotterblumen, die hängend den Uferrand bezauberten. Es war auch der  Wasserlauf, die Abstufung, was zur Folge hatte, dass sich das Wasser walzenartig bewegte und feinster Sand in den Flusslauf zu einer Sandbank spülte. Des weiteren die Klarheit des Wassers: Es entstand eine Vertiefung mit ausreichender Sicht zum Bodensande. Das gleisende Licht der Sonne wirkte wie eine gezielte Lichtquelle zur Ausleuchtung. Plötzlich: am mittleren Ende der Sandbank trat ein Schatten in mein Blickfeld, den ich zunächst konzentriert beobachtete. Zunächst dachte ich, es ist das reflektierende Schattenspiel eines Astes, der von leichtem Wind bewegt wird. Aber da war kein Baum, keine Weide, kein Ast, sondern der freie Zugang zum Sonnenlicht. Ich versuchte mich in beherrschter Bewegungsweise auf den Bauch zu legen, um das Bewegungsspiel im Wasser in Händen gestützter Kopflage weiter aufzuspüren und zu verfolgen. Nach minutenlangem hinschauen, fixieren, versuchte ich blind tastend in den Graswucherungen ein kleines Steinchen zu finden, was auch gelang. Mein rechter Arm vom Gesicht genommen und mit abschätzender Konzentration und Willenskraft dieses Steinchen durch minimaler Anfangsbeschleunigung dort hinzuwerfen, dort zu platzieren, wo ich den bewegten Schatten vermutete. Kaum hatte das Steinchen meine Wurfhand verlassen, schon tauchte das Steinchen in die Wasseroberfläche ein, und der Schatten kam pfeilschnell an die Oberfläche. Was zu sehen war, der Schatten, war ein Fisch. Dieser Fisch, Forelle genannt, hatte das Steinchen aufgenommen, aber auch wieder aus dem Maul herausgespuckt. Der Schatten, die Forelle drehte sich und steuerte ebenso schnell die Ausgangsstellung an. Ein Blick zu meinem Bruder ließ mich erkennen, dass zwischen Erwartung, Erfüllung und Resignation noch nicht von einem Gebirgsbach-Rubikon gesprochen werden konnte. Verhaltener Optimismus hatte zu Geduld verholfen. Von meinem Beobachtungen, Nachforschungen, Nachstellungen hatte ich nichts vermerken lassen.

Wir mussten um 12.30 Uhr zum Mittagessen zu Hause sein. Was wir auch taten, um keine zusätzliche Unruhe im trauten Heim entstehen zu lassen. Bernhard hatte die Angel aus dem Bachlauf sehr behutsam entnommen, dann zusammengerollt und in seine Tasche gesteckt, während ich die Schachtel mit den Würmern in meiner Hosentasche deponierte. Die gepflückten und in einen Strauß gefassten Dotterblumen wurden so behutsam, kontrolliert in den Bachlauf  verfrachtet, dass dem Strauß seine lebensnotwendige Wasserration über die Mittagszeit gesichert war. Während wir auf dem Wiesenhang zum Armenhaus wieder zurückgegangen sind, musste der Pfad genommen werden, von dem man ausgehen konnte, dass kein liegen gebliebenes Kriegsmaterial ungesehen eine Gefahr auslöste. Bernhard frage mich: „Kleiner, gehst Du nochmals mit, den großen Fisch zu fangen?“ „Ja – ja – ja.“ So kamen wir nach Hause und Mutti fragte, was wir so lange bei unserem Ausbleiben getan hätten. Bernhards Antwort: „Nicht viel! „Ich habe dem Kleinen die Unterschiede und ihre Funktion von Munition, die vielleicht hier und da mal herumliegt, erklärt und was Günther dann machen soll, wenn er mit Bruder Klaus solches gesichtet hat.“ „Und was soll er machen?“ „Nicht anfassen, nicht mit einem Gegenstand berühren und Vati oder Dich informieren.“ „Hat Günther das verstanden, Bernhard?“ „Schau in seine Augen, dann wirst Du es wissen. Er ist wie eine Katze. Bei den Katzen beginnt das Hirn hinter den Augen und hört dort aber auch schon auf.“ „Bernhard, so etwas sagt man nicht!“ meinte unsere Mutter. Bernhards Antwort: „aber dafür der Vater von Egon“ (sein Freund).

Der Mittagstisch war karg, zwei Pellkartoffeln und Bibbeleskäse. Ein typisches, noch heute köstliches Gericht, wenn man es kann und die Zeit dafür aufbringen möchte.

guenther_kochmütze1Rezeptur:

Man nehme einen Liter fisch gemolkene Vollmilch in einen Steinkrug oder so was Ähnliches. Stellt das Steingefäß solange an den Randbereich eines Herdes, bis die Milch in Sauermilch übergegangen ist. Also keine Sauermilch vom Discounter. Selbst gemachte Sauermilch.

Ist diese Sauermilch-Konsistenz erreicht, wird erkennbar sein, dass sich über die Sauermilch eine Deckschicht gebildet hat (saure Sahne), die mit einem Löffel abgetragen wird. Die saure Sahne, so nennt man das Zeug, wird in ein Behältnis gegeben, bis zur Wiederverwendung für den Bibeleskäse. Dann nimmt man ein weißes Leinentuch und stürzt die Sauermilch über das Leinentuch in eine darunter stehende Schüssel und lässt die Flüssigkeit (Molke) abtropfen. Diesen Abtropfvorgang kann man durch einen Auspressvorgang beschleunigen, indem das Leinentuch kreisförmig, als hätte man es mit einer Schraube, Spirale zu tun, gedreht und gepresst wird. Die gesäuerte Milch, also Sauermilch, muss zu einer festen Substanz, weißem Käse, oder im Fachjargon Quark genannt, gebracht werden. Diese Masse dann in eine Schüssel geben und wie folgt mit weiteren Zutaten behandeln:

Zutaten:

1 mittelgroße weiße Zwiebel in sehr feine Stückchen schneiden.
2 ansprechende Knoblauchzehen ebenso sehr fein schneiden.
2 Scheiben Ingwer in kleine unauffällige Stückchen schneiden.
Mindestens einen kräftigen Bund Schnittlauch sehr feingehackt.
Salz und weißen Pfeffer auch eine Prise Cayenne Pfeffer.

All diese Zutaten in die Schüssel mit dem weißen Käse (Quark) geben und mit Zugabe von etwas Vollmilch cremig rühren. Nicht dabei einschlafen, d.h. sahnig machen. Danach die zuvor separierte, abgeschöpfte saure Sahne hinzugeben und weiter sahnig rühren (Nicht dabei einschlafen).

Zum Schluss der Gaumenfreude aus dem Nordschwarzwald in den Kriegsjahren entscheidet der subjektive Gusto durch die Geschmackspapillen (papillae gustatoriae) das gesteuerte – bestimmte Würzen mit Salz, weißem Pfeffer, auch eine Prise Cayenne Pfeffer. Und wer es noch nach neuesten Erfahrungen auch etwas asiatisch möchte, – eine Prise indischen Curry (scharf).

Die Pellkartoffel wurde immer mit etwas Salz weich gekocht und zwar so, dass die Kartoffel noch Gabelfest war, um die Kartoffel mit dem Bibbeleskäse belegt einnehmen zu können.

Günther de Temple

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