Traumdiebstähle

 

Eine Erzählung von Silke Scheuermann zu Bildern von Alexander Paul Englert – oder umgekehrt?

Es ist nicht so, dass Scheuermann und Englert eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachten. Kein Alptraum – nichts war abhanden gekommen oder gar der Traum selbst verschwunden. Ihre TRAUMDIEBSTÄHLE bezeichnen vielmehr das neueste gemeinsame Kunstprojekt, das in der Art de Temple anlässlich der Aschaffenburger Museumsnacht erstmals öffentlich vorgestellt wurde.

Dass Diebstähle ausnahmsweise auch bereichern, davon zeugten neben Englerts beeindruckenden Fotografien auch Scheuermanns exklusiv gelesene Passagen ihrer Erzählung Auberge de Rêve. Krönende Zugabe des Abends bildeten schließlich die vier neuen „Gedicht-Fotografien“, die nicht nur die inspirierende Zusammenarbeit beider Künstler anschaulich dokumentierenden, sondern zudem – so viel sei hier verraten – auch einen Blick auf den eigentlich gar nicht anwesenden Hund Silke Scheuermanns erlaubten.

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Sie als Träumer oder Traumdeuter zu bezeichnen, würde beiden nicht gerecht. Begegnet sind Scheuermann und Englert sich vor mehr als zehn Jahren. Alexander Paul Englert war zum Studium in die Rhein-Main Region gekommen, studierte in Frankfurt Philosophie, später Design und Grafik an der Offenbacher HfG und entdeckte hier sein Faible für das Menschenbild. Wer versucht, Englerts ausgedehnte Foto-Reisen nachzuzeichnen, hätte es leichter, die noch nicht fixierten Orte zu markieren. Die Spanne seiner internationalen Aufnahmen reicht denn auch über Menschenbilder, Porträts, Theater- und Plakatansichten, bis hin zu vielfach ausgezeichneten, aufsehenerregenden Reportagen und Auftragsprojekten.

Die bereits hoch dekorierte Silke Scheuermann, jüngst etwa Berthold-Brecht-Preisträgerin 2016, debütierte 2001 mit dem Lyrikband Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen. Auch sie ist weit gereist. Schon das Studium der Theater- und Literaturwissenschaften führte sie von Frankfurt und Leipzig weiter nach Paris. Den renommierten Hölty-Preis 2014, die am höchsten dotierte Lyrikauszeichnung im deutschsprachigen Raum, erhielt Scheuermann für ihr bisheriges Ouevre und im Besonderen für ihre Skizze vom Gras.

Silke Scheuermann liest in der Art de Temple anlässlich der Aschaffenburger Museumsnacht 2016 © Thomas LaubeSilke Scheuermann liest in der Art de Temple anlässlich der Aschaffenburger Museumsnacht 2016      © Thomas Laube

TRAUMDIEBSTÄHLE, das neueste Projekt der beiden, beschreibt einen Unternehmensberater im besten Alter, den eine Geschäftsreise in die Auberge de Rêve, irgendwo zwischen Hessen und Bayern führt. Für Bild und Text tauschten Scheuermann und Englert immer wieder Aufnahmen und Textpassagen. Einmal wirkten die Texte, das andere Mal die Aufnahmen impulsgebend. Beschrieb der eine den anderen zu nah, ersetzten die Künstler die Motive einfach durch andere, so dass der kreative Tauschhandel von Neuem begann.

Natürlich träumt auch jeder von uns. Wenn wir schlafen, dann träumen wir – alle und immer. Oft werden Träume von intensiven Bildern und Gefühlen begleitet. Taucht im Traum gar ein Diebstahl auf, bedeutet dies Angst vor Mangel und Verlust; Materiell, emotional oder existentiell. Fragen wie, „was fürchte ich, nicht haben zu können oder verdient zu haben – was habe ich Angst zu verlieren?“ kennt fast jeder.

Bereits im Altertum hatten Träume eine wichtige Stellung in Hinblick auf Zukunftsbestimmung und Deutung des persönlichen Schicksals. In Griechenland interpretierten Priesterinnen die Träume der Pilger, während in mesopotamischer Kultur Tempel und „Traumhauch-Hütten“ als Traumfänger-Orte zur Zukunftsvorausschau und Omendeutung dienten. Traumbücher zeichneten zudem Weissagung von Wetter- oder Krankheitsverläufen, politischen Entwicklungen und anderen alltäglichen Fragen auf.

Silke Scheuermann und Alexander Paul Englert anlässlich der Vorstellung der TRAUMDIEBSTÄHLE in der Art de Temple, 2016 © Thomas Laube

Silke Scheuermann und Alexander Paul Englert anlässlich der Vorstellung der TRAUMDIEBSTÄHLE in der Art de Temple, 2016 © Thomas Laube

In den TRAUMDIEBSTÄHLEN haben Scheuermann und Englert nicht nur die Rolle von Priestern und Traumfängern übernommen, sondern auch Tempel und Traumhauch-Hütten in die Gegenwart überführt. Die Auberge de Rêve aus der Erzählung nimmt nicht von ungefähr Bezug auf die nahe AUBERGE DE TEMPLE. Hier haben beide Künstler wiederholt gearbeitet und ausgestellt.

In der Traumforschung heißt es, dass Träumende sich nach dem Erwachen meist nur teilweise oder kaum erinnern. Der neue Prachtband TRAUMDIEBSTÄHLE von Silke Scheuermann und Alexander Paul Englert jedoch, prägt sich tief ins Innerste, ist ein unvergessliches Souvenir. Daran lässt sich kaum satt sehen, geschweige denn, zu hören oder zu lesen.                                                                  Dr. Ariane Grigoteit

TRAUMDIEBSTÄHLE Ein Bildband mit Fotografien von Alexander Paul Englert und einer Erzählung von Silke Scheuermann, 104 Seiten, durchgängig vierfarbig, Format 190 x 260 mm, Beidseitig bebilderte Klappenbroschur mit Fadenheftung im Schuber, Euro 40,–, ISBN 978-3-945400-32-6

Ausstellung von Alexander Paul Englert und Silke Scheuermann in der Auberge de Temple, Februar 2015

Alexander Paul Englert und Silke Scheuermann in der Auberge de Temple, Februar 2015  © Michael Bruder

Dr. Ariane Grigoteit

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